lunes, 21 de septiembre de 2009

Ein Kontinent rüstet auf - Por: Thomas Wagner


ZEIT ONLINE - 18. September 2009


S Ü D AME R I K A

Ein Kontinent rüstet auf

Venezuelas Präsident Chávez hat in Moskau viele Panzer und Raketen eingekauft. Doch die wahre Militärmacht Lateinamerikas ist heute Brasilien.
Venezuelas Präsident Chávez lauscht seinem Amtskollegen Lula da Silva aus Brasilien: Chávez kauft in Russland Rüstungsgüter, Brasilien in Frankreich Wer in Venezuela politisch auf dem Laufenden bleiben möchte, muss keine langweiligen Parlamentssitzungen schauen, sondern schaltet einfach "Aló Presidente" ("Hallo Präsident") ein. In seiner Fernsehshow verarbeitet Präsident Hugo Chávez Politik in mediale Häppchen, so auch in der vergangenen Ausgabe: "Venezuela hat nicht die Absicht, ein anderes Land anzugreifen", versicherte Hugo Chávez Millionen Zuschauern. Und im selben Atemzug teilte der venezolanische Präsident den Kauf von neuem Kriegsmaterial in Russland mit. 92 Panzer sowie Boden-Luft-Raketen habe er bei seinem jüngsten Besuch in Moskau bestellt – dank eines Zwei-Milliarden-Dollar- Kredites der russischen Regierung. Der US-Kritiker Chávez hat nach Einschätzung des venezolanischen Politikwissenschaftlers Victor Mijares den Zeitpunkt für seine Einkaufstour bedacht gewählt. Das Nachbarland Kolumbien und das verhasste "US-Imperium" haben unlängst den Ausbau ihrer Militärkooperation angekündigt. Kolumbiens konservativer Präsident Álvaro Uribe hat der US-Armee die Nutzung von sieben Militärstützpunkten erlaubt. Laut Bogotá und Washington sollen die GIs im Kampf gegen Drogenkartelle und marxistische Rebellen mithelfen. Chávez und sein Verbündeter, der ecuadorianische Präsident Rafael Correa, betrachten die US-Präsenz dagegen als potenzielle Einmischung. Nach Bekanntwerden des Abkommens zwischen den USA und Kolumbien tönte Chávez prompt in bekannter Manier, dieses könne der Anstoß für einen "neuen Krieg in Südamerika" sein. In Russland erwirbt der venezolanische Revolutionsführer nun unter anderem S-300-Raketen. "Ausländischen Flugzeugen wird es künftig schwer fallen, uns zu bombardieren", begründete er die Wahl. Tatsächlich gilt das russische System als
äußerst treffsicher, bis zu sechs feindliche Raketen oder Flieger soll es gleichzeitig abfangen können. Von wem er sich bedroht fühlt, ließ Chávez offen. Doch hat er der US-Regierung häufig genug vorgeworfen, sich die Ölreserven seines Landes unter den Nagel reißen zu wollen. "Venezuelas Präsident fürchtet insgeheim vor allem die Überwachung seines Territoriums durch US-Spionageflugzeuge", sagt der Chávez-Kenner Mijares.
Der Angriff der kolumbianischen Luftwaffe auf ein Camp der marxistischen Farc-Rebellen im März 2008 auf ecuadorianischem Territorium liegt noch nicht lange zurück – angeblich wurde er durch US-Spionagetechnik ermöglicht. Bei dem Überfall fiel der kolumbianischen Regierung auch der Computer des Farc-"Außenministers" Raúl Reyes mit angeblichen Beweisen für die Zusammenarbeit zwischen den Rebellen und Chávez in die Hände. Ein Fiasko für den venezolanischen Staatschef. Der Konflikt zwischen dem Rechtsaußen-Politiker Uribe und dem Linkspopulisten Chávez hat sich zu einem regelrechten "Wettrüsten in den Anden" entwickelt, sagt Mijares. Kolumbien hat seine Streitkräfte mit dem Ziel hochgerüstet, die Drogenkartelle und die marxistischen Rebellengruppen Farc und ELN auszuschalten. Washington hat dafür in den letzten sechs Jahren neun Milliarden Dollar überwiesen.

Chávez sucht hingegen in Russland und China Beistand. Dabei setzt er gezielt Dollar-Schecks und Beteiligungen an der Erschließung von Ölvorkommen im Orinoko-Streifen als Argumente ein. Von 2005 bis 2007 gab Venezuela insgesamt 4,4 Milliarden Dollar für russische Militärtechnik aus, darunter 24 Kampfflugzeuge vom Typ Suchoj 30. Kurz darauf erstand Kolumbien prompt israelische Jets – genau 24 an der Zahl. Doch an einem Krieg haben beide Seiten kein Interesse, zumindest im Moment, sagt der Admiral a. D. Mario Carratú Molina. Der venezolanische Präsident schon deswegen nicht, weil seine Soldaten gegen die dreimal so starke, im Anti-Guerilla-Kampf gedrillte und technologisch gut ausgerüstete kolumbianische Armee keine Chance hätten, sagt der Chávez-Kritiker. Die beiden Andenländer machen mit ihren wachsenden Militärausgaben die meisten Schlagzeilen, sie stehen mit dieser Tendenz aber nicht alleine da. Ganz im Gegenteil.

Lateinamerika hatte 2008 zwar nur einen minimalen Anteil an den weltweiten Militärbudgets, doch sind seit 2003 die Rüstungsausgaben in Südamerika nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstitutes SIPRI jedes Jahr gestiegen. Im vergangenen Jahr gaben alle zwölf Nationen des Kontinentes die Rekordsumme von 34,1 Milliarden Dollar für ihre Streitkräfte aus. Ein Plus von 50 Prozent im Vergleich zu 1999. Südamerikanischer Spitzenreiter bei den Rüstungsausgaben im Vergleich zur Wirtschaftsleistung ist Brasilien. Danach folgen Chile und Kolumbien. Venezuela kommt erst an vierter Stelle. Brasilien auf dem Weg zur Regionalmacht In den kommenden Jahren dürfte Brasilien seinen ersten Platz unangefochten verteidigen. Mitte des Monats präsentierten Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und sein französischer Kollege Nicolas Sarkozy der Öffentlichkeit einen Rüstungsdeal im Wert von 12,2 Milliarden Dollar. Brasilien kauft von der Grande Nation fünf U-Boote, darunter ein atombetriebenes, sowie 50 Hubschrauber. Der  südamerikanische Riese signalisierte darüber hinaus Interesse am Erwerb von französischen Rafale-Kampfjets. Brasilien erwirbt auf einen Schlag den Zugang zu französischem Rüstungs-Knowhow. Zusätzlich zum Technologietransfer sicherte das größte südamerikanische Land 12.000 Arbeitsplätze: die Rüstungsgüter werden in heimischen Fabriken montiert. Brasilien sei nicht Venezuela, das in den "Waffen-Supermärkten dieser Welt " zulange, lobte der brasilianische Verteidigungsminister Nelson Jobim das Verhandlungsgeschick der eigenen Regierung. Offiziell will Brasilien die neue Militärtechnik zum Schutz seiner jungfräulichen Ölvorräte vor der Küste und des Amazonas-Beckens einsetzen. Insgeheim geht es allerdings um mehr. Die aufstrebende Wirtschaftsnation wolle sich endgültig als die führende Regionalmacht des Kontinentes etablieren, sagt Politikexperte Mijares. "Und eine erfolgreiche Diplomatie braucht eine starke Armee als Druckmittel." Obwohl das militärische Potenzial Brasiliens wesentlich größer ist als das seiner Nachbarn Venezuela und Kolumbien, erregen seine steigenden Rüstungsausgaben kaum Aufsehen. Eine Erklärung: Lula verteidigt zwar
erfolgreich nationale Interessen, betrachtet das politische Modell seines Landes aber nicht als Exportgut, während der Fidel-Castro-Freund Chávez mit seinen Petrodollars die Linksregierungen in Kuba, Ecuador, Bolivien, Nicaragua, Argentinien und zuletzt – wenn auch gescheitert – in Honduras unterstützt. "Weil Chávez die Internationalisierung seiner Revolution predigt, rufen seine Rüstungspläne am meisten Misstrauen hervor", sagt Mijares. 

Kolumbien wiederum hat auf die antiamerikanischen Ressentiments seiner Nachbarn keine Rücksicht genommen – und mit seiner Attacke auf ecuadorianischem Boden auch die Befürchtungen Ecuadors und Venezuelas vor einer Wiederholung geweckt. Die zwei Länder versuchten in den vergangenen Wochen, das Forum der Union Südamerikanischer Staaten (Unasur) zu nutzen, um Uribe abzuwatschen, allerdings ohne Erfolg. Nach der Sitzung des Unasur-Verteidigungsrates am Dienstag in Quito steht die gerade mal zwei Jahre alte Organisation schon vor dem ersten Misserfolg. Die Regierung in Bogotá will keine Zugeständnisse bei der militärischen Kooperation mit den USA machen, und vermisst andererseits bei ihren Nachbarländern den Willen, die Drogenkriminalität im Team zu bekämpfen. Wenn das so weiter gehe, sei auch ein Ausstieg aus der Unasur eine Option, ließ der kolumbianische Verteidigungsminister im Anschluss verlauten. Der Streit um die kolumbianischen Militärbasen macht einmal mehr deutlich, dass sich drei politische Projekte in Südamerika gegenüberstehen: der von Brasilien geführte Mercosur, Venezuelas ALBA-Staatenbund sowie die zusammengeschmolzene Schule der US-Adepten, allen voran Kolumbien. Genügend Konfliktlinien, um fleißig weiter aufzurüsten.

ZEIT ONLINE 2009