martes, 14 de febrero de 2012

Modell Lula gegen Modell Chávez

Venezuelas Oppositionsführer Henrique Capriles zieht in den Kampf gegen den Revolutionsführer. Sein Rezept: Keine Ideologie

Thomas Wagner, Bogotá

Henrique Capriles Radonski ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von Präsident Hugo Chávez: Er isterst 39 Jahre alt und stammt aus reichem Elternhaus. Eines eint den Gouverneur des Bundesstaats Miranda aber mit Venezuelas Revolutionsführer: Beide gehen mit populistischen Botschaften erfolgreich in der Unterschicht auf Stimmenfang.

Am Sonntag errang Capriles einen überzeugenden Sieg bei der erstmalig abgehaltenen Vorwahl, bei der sich die gesamte Opposition auf einen Kandidaten einigte. Er tritt damit am 7. Oktober gegen Chávez an, der eine vierte Amtszeit anstrebt. Capriles führt nun das Oppositionsbündnis Mesa de la Unidad Democrática, eine bunte Ansammlung von 30 ökologischen bis christlich-sozialen Parteien. Aktuell würden laut Umfragen 50 Prozent der Wähler für Amtsinhaber Chávez stimmen, 34 Prozent für die Opposition.

Aber Capriles hat gezeigt, dass er erfolgreich Wahlkämpfe führen kann. “Ich will mich nicht beklagen, ich bin nie eine Heulsuse gewesen“, sagt er. Bei den Gouverneurswahlen 2008 besiegte Capriles im Bundesstaat Miranda Amtsinhaber Diosdado Cabello, einen der mächtigsten und gerüchteweise auch korruptesten Alliierten des Präsidenten.

Chávez rächte sich auf seine Weise. Er entzog Miranda die Zuständigkeit für die öffentlichen Krankenhäuser – und damit für den größten Brocken des regionalen Budgets. Militante Chávez-Anhänger malten 2009 Hakenkreuze an die Wände des Gouverneurssitzes. Besonders bitter daran: Capriles’ Vorfahren mütterlicherseits waren polnische Juden. “Meine Urgroßeltern wurden in Treblinka umgebracht“, sagt er.

Anders als der polarisierende Staatschef bedenke Capriles seine Gegner nicht mit Schimpfworten, sagt Politikwissenschaftler Victor Mijares. Stattdessen präsentiere sich der Oppositionsführer als moderater Sozialdemokrat. Er suche nicht ideologische Konfrontation, sondern praktische Lösungen. Sein politisches Vorbild sei der brasilianische Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, sagt Capriles. “Chávez hat zu Recht die Armut in den Mittelpunkt seiner Politik gestellt“, meint er. “Doch wie schaffen wir es, dass die Leute der Armut entkommen? Ihnen Essen zu geben reicht nicht. Wir müssen Arbeitsplätze schaffen“, kritisiert er das paternalistische Modell der Regierung. Die von Chávez aufgebauten Sozialmissionen, die unter anderem subventionierte Lebensmittel verteilen, will Capriles fortführen, gleichzeitig die schwächelnde heimische Privatwirtschaft fördern und ausländische Firmen locken.

“Ich will keinen Staat, der alles kontrolliert, sondern einen, der Möglichkeiten schafft“, sagt Capriles. Solche Botschaften kommen bei jenen Venezolanern gut an, die keinen Kommunismus, sondern einen gut bezahlten Job wollen.

Capriles selbst muss sich keine Sorgen um sein Auskommen machen. Sein Großvater gründete eine Kinokette, die nach einer Fusion 1999 zum zweitgrößten Betreiber Venezuelas aufstieg. Die privilegierte Herkunft ist ein Punkt, den der glänzende Rhetoriker Chávez im Wahlkampf gegen Capriles ausspielen dürfte. Ein anderer Makel: Einen Tag nach einem chaotischen Staatsstreich am 11. April 2002, bei dem „el Presidente“ kurzzeitig abgesetzt wurde, setzte sich Capriles an die pitze einer wütenden Menge vor der kubanischen Botschaft und forderte Einlass. Wegen dieser Episode saß der Oppositionspolitiker später vier Monate in Haft, wurde in mehreren Prozessen aber  schließlich freigesprochen.

Will Capriles siegen, muss er dasselbe Paradoxon lösen, an dem bisher alle Chávez-Gegner gescheitert sind. Die Probleme Venezuelas sind in den 13 Jahren unter dem sozialistischen Staatschef nicht weniger geworden. Die Kriminalität schreckt Touristen ab, Investoren meiden Venezuela wegen der Verstaatlichungspolitik der Regierung.

Dennoch bleibt Chávez der populärste Politiker des Landes. Als der Präsident Mitte vergangenen Jahres seine Krebserkrankung öffentlich machte, stärkte dies seinen Rückhalt im Volk. Die Menschen in den Armensiedlungen liebten “ihn auf fast religiöse Weise, obwohl er ihre Probleme nicht löst“, sagt Oscar Schemel vom Meinungsforschungsinstitut Hinterlaces. Für die einfachen Leute zähle, dass er sie in seinen Reden direkt anspreche. Zuvor seien sie von der politischen Elite jahrzehntelang  ignoriert worden.